Wandern und Gesundheit

Stand des Wissens

Franziska Thiele, Carola Steinmark, Heinz-Dieter Quack

Weitblicktour Ulrichstein

Bewegung ist gesund! Diese Annahme hat sich inzwischen in weiten Teilen der Bevölkerung zum Leitmotiv entwickelt und ist eines der bedeutsamsten Motive von Wanderern (vgl. BRÄMER 2007; BMWI 2010; PROJECT M 2014). Regelmäßige Bewegung wie beim Wandern steigert nicht nur das aktuelle Wohlbefinden, sondern wirkt sich auch langfristig positiv auf die Entwicklung von Körper und Geist aus (vgl. u.a. ABELE et al. 1991; WAGNER/ BREHM 2006; ABRAHAM et al. 2010; ZIEMANZ/ PETERS 2010, FUCHS/ SCHLICHT 2012; SCHULZ et al. 2012). 2007 veranstaltete das Ministerium für Wirtschaft und Wissenschaft gemeinsam mit der Tourismus Zentrale Saarland den ersten bundesweiten Gesundheitskongress Wandern zum Thema "Regeneration durch Natur"; im Jahr 2010 wurde die Veranstaltung unter einem stärker touristischen und praxisorientierten Fokus forgesetzt. Eine Studie des Deutschen Wanderverbands untersuchte danach erstmalig, welche körperlichen Effekte das Wandern auslöst. Zentrales Ergebnis der 7-wöchigen Vergleichsstudie ist, dass sich bereits kürzere Distanzen und moderate Strecken positiv auf die Gesundheit auswirken (vgl. DWV 2012). Die tatsächlichen körperlichen Wirkungsmechanismen in Zusammenhang mit körperlicher Aktivität und Gesundheit sind jedoch bisher nicht bis ins Detail geklärt. Insbesondere die Aufklärung der gesundheitlichen Effekte des Wanderns als spezifische Bewegungsform in der Landschaft findet in Veröffentlichungen zur Sportmedizin, Sportpsychologie, zum Gesundheitssport und zur Präventions- und Rehabilitationsforschung in der Vergangenheit kaum Berücksichtigung. Im Folgenden werden die Forschungsansätze unterschiedlicher Disziplinen zusammengefasst dargestellt.

Psychische und physische Gesundheit

In der Sport- und Gesundheitspsychologie werden die Zusammenhänge zwischen sportlicher Aktivität und seelischer Gesundheit (mental health) sowie das damit verbundene subjektive Wohlbefinden (well-being) erforscht (vgl. zusammenfassend FUCHS/ SCHLICHT 2012). In der Sport- und Bewegungsmedizin wird darüber hinaus der Einfluss von sportlicher Aktivität auf die Prävention und Therapie von (Zivilisations-) Krankheiten wie beispielsweise Adipositas oder Demenz und die damit verbundenen Förderungsmöglichkeiten von mehr Bewegung im Alltag von Menschen unterschiedlichen Alters betrachtet (vgl. u.a. HOLLMANN/ STRÜDER 2009; ZIEMANZ/ PETERS 2010). Alle Disziplinen vereinen zwei wesentliche Forschungsschwerpunkte, die nicht klar voneinander zu trennen sind. So wird zum einen der Fokus auf den Einfluss der Bewegung bzw. der sportlichen Aktivität auf die psychische mentale Gesundheit gelegt. Das bedeutet, dass die emotionalen und motivationalen Prozesse sowie kognitiven Funktionen ausgelöst durch die Aktivität im Vordergrund stehen. Dazu gehören beispielsweise Untersuchungen zum Stressempfinden, zur Linderung von Depressionen oder auch affektive Reaktionen, wie z.B. aufkommende Gefühle oder Veränderungen der Stimmung (vgl. u. a. BIDDLE 2000; KRAMER / ERICKSON 2007; FUCHS/ SCHLICHT 2012; SCHULZ et al. 2012). Zum anderen werden aber auch die Einflüsse auf die physische Gesundheit, wie z. B. das Herz-Kreislauf-System, Bluthochdruck oder Diabetes untersucht (vgl. u. a. PREDEL / TOKARSKI 2005; KNOLL et al. 2006; GABRIEL 2006; GÜNDLING 2009). So wurde jüngst bestätigt, dass sich wöchentliches Wandern gerade bei älteren Personen mit Bluthochdruck positiv auswirken kann (vgl. GATTERER et al. 2014).

Prävention und Therapie

Physische und psychosoziale Gesundheitswirkungen lassen sich außerdem kategorisieren in eine präventive und problembewältigende Perspektive (z. B. bei chronischen Krankheiten, Stresswahrnehmung) sowie eine ressourcenstärkende Perspektive (Selbstkonzept, aktuelle Stimmung) (vgl. WAGNER/ BREHM 2006, S, 106). Längsschnittstudien behandeln dabei einerseits die Auswirkungen sportlicher Aktivität auf die Stärkung der Gesundheitsressourcen und die damit verbundenen Möglichkeiten der Gesundheitsprävention und andererseits die Therapie von Krankheiten und damit die Verbesserung des habituellen langfristigen Wohlbefindens. In Querschnittsstudien geht es meist um das aktuelle Wohlbefinden und die kurzfristige Verbesserung der aktuellen mentalen Gesundheit durch eine bestimmte Aktivität wie das Wandern (vgl. FARMER et al. 1988; MUTRIE 2002; MARTINSEN 2008; DINAS et al. 2011; HAUTZINGER/ WOLF 2012). Als Beispiele für positive gesundheitsfördernde Wirkungen in Bezug auf die Regulation und Bewältigung von Stress werden häufig regelmäßige und ausdauerorientierte Bewegungsformen, wie z. B. Gehen, Laufen, Wandern, Radfahren etc. genannt. Entscheidend ist dabei weniger die Intensität als vielmehr die Kontinuität der körperlichen Aktivität (vgl. WAGNER/ BREHM 2006, S. 109).

Landschaft und Gesundheit

In Japan wird seit nunmehr zehn Jahren erforscht, welchen Einfluss "shirin-yoku" (im deutschen Sprachgebrauch auch übersetzt als "Baden in Waldluft"), das bedeutet die Atmosphäre des Waldes, auf die mentale und physische Gesundheit insbesondere auf das Stressempfinden hat. Die Forscher konzentrieren sich dabei auf die Erfassung physiologischer Effekte, wie die Messung von Aktivitäten im zentralen oder vegetativen Nervensystem sowie biochemischer Reaktionen, als Hinweise auf die Regulation von Stress. Sie gehen von einer therapeutischen Wirkung des Waldes insgesamt bzw. einzelner Elemente auf die Sinnesorgane aus und berufen sich dabei auf etablierte Therapieformen westlicher Gesellschaften, wie z. B. das Konzept der Kneipp-Therapie. Die Feld- und Laborexperimente vergleichen die Ergebnisse von Probanden in einer Waldumgebung mit denen von Probanden in einer städtischen Atmosphäre. Zur Messung der Aktivitäten im zentralen Nervensystem wird die absolute Hämoglobinkonzentration im Blut mittels zeitaufgelöster Nahinfrarotspektroskopie gemessen. Weiterhin können anhand des Blutdrucks und der Puls- und Herzfrequenz Rückschlüsse auf Veränderungen im vegetativen Nervensystem und mit Hilfe der Untersuchung des Speichels auf die Stressregulation gezogen werden. Darüber hinaus wird mit Hilfe von Fragebögen das subjektive Empfinden erfasst. Die Ergebnisse einzelner Studien und Reviews zeigen signifikante Unterschiede zwischen der Untersuchungsgruppe im Wald und der Kontrollgruppe in der Stadt, z. B. in der Veränderung der Hämoglobinkonzentration oder der Cortisolkonzentration im Speichel. Somit kann der Erholungseffekt sowie die Reduktion von Stress durch Shirin-Yoku wiederholt nachgewiesen werden. Auch die psychologischen Messungen nach dem Gehen und bei der Betrachtung des Waldes unterstützen die Ergebnisse. Im Wald fühlen sich die Probanden wohler, ruhiger und aufgeweckter als in der Stadt (vgl. PARK et al. 2007; TSUNETSUGU et al. 2010; PARK et al. 2010).

In dem weltweit ersten medizinisch-sportwissenschaftlichen Forschungsprojekt AMAS 2000 (Austrian Moderate Altitude Study) wurden in den Jahren 1998 bis 2000 die gesundheitlichen Aspekte eines Bergurlaubs in unterschiedlichen Höhenlagen untersucht. Die Höhenstudie belegt wissenschaftlich, dass sich ein Aktivurlaub in unterschiedlichen Höhenlagen nachweislich positiv auf den menschlichen Gesundheitszustand auswirkt. Zu den wesentlichen Erkenntnissen gehört beispielsweise die Verbesserung von Herzfrequenz und Blutdruck. Hierbei konnte ein Einfluss der Höhenlage gemessen werden (vgl. SCHOBERSBERGER et. al 2004).

Auf Grund der hohen Komplexität konnten in den bisherigen Studien nicht alle Zusammenhänge restlos geklärt werden. Forschungsbedarf besteht vor allem in der differenzierten Betrachtung einzelner Aktivitäten, wie z. B. dem Wandern, und in der Verknüpfung von physischen mit psychologischen Wirkungsmechanismen. Bei den bisherigen Untersuchungen zum Bewegungs-Befindens-Zusammenhang bleiben weitere Einflussfaktoren, wie z. B. Natur und Landschaft (wird in der Erlebnisforschung auch als Setting bezeichnet) bzw. die Kombination von Einzelfaktoren in der Umgebung die zum Wohlbefinden führen, unberücksichtigt. Dabei haben u.a. Landschaftspsychologen bereits festgestellt, dass Menschen auf bestimmte Landschaftstypen, -bereiche, -elemente und -eigenschaften unterschiedlich reagieren. So können sich beispielsweise Menschen in Natur und Landschaft nur dann wohlfühlen, wenn sie sich intuitiv orientieren können (vgl. KAPLAN et al. 1998; HELLBRÜCK/ FISCHER 1999, S. 260). Die Berücksichtigung von gesundheitlichen Effekten der körperlichen Bewegung des Wanderns und die Auswirkungen der landschaftlichen Umgebung sowie der damit verbundene dynamische Prozess des Erlebens sollten in Forschung und Praxis in Zukunft stärker Berücksichtigung finden.

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Datum: 10.12.2016
Online: http://www.wanderinstitut.de/forschung/wandern-und-gesundheit/
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